Die Altstadt von Gernsbach liegt auf einem Bergsporn, der sich vom Schnarrenberg aus in östliche Richtung bis zur Murg absenkt. Nördlich und südlich davon fließen der Ziegelbach und der Waldbach welche, beide in die Murg münden. Zusammen mit dem künstlich angelegten Streckfuß bei der Kirche zu unserer Lieben Frau bilden die Abhänge zu den drei Gewässern einen natürlichen Schutz gegen feindliche Angriffe. Als Hauptstadt der Grafschaft Eberstein bedurfte der Schdaddbuggl eines besonderen Schutzes. Dieser wurde mit dem Bau einer äußeren und inneren Stadtmauer verwirklicht.

Im Bereich der beiden Zehntscheuern kann die mittelalterliche Stadtbefestigung in ihrer historischen Gestalt bewundert werden. Darüber hinaus, befindet sich in den Zehntscheuern ein 20 Meter langes Stück des mittelalterlichen Wehrganges.

Im pfälzischen Erbfolgekrieg wurde 1691 die südliche Altstadt von einer französischen Artillerieeinheit unter Beschuss genommen. Dabei gingen umfängliche Teile der Bebauung in der Amtstraße verloren. So auch die mittelalterlichen Vorgängerbauten der Zehntscheuern. Aufgrund ihrer massiven Bauweise überstand die Stadtmauer diese Angriffe. Im Stadtmauerabschnitt der Scheune Nr. 7 zeugt eine Reparaturstelle von etwa 3 Meter Durchmesser von der Intensität der Beschießung.

In den Jahren 1694 und 1701 wurden die heutigen Zehntscheuern auf den Trümmern der mittelalterlichen Gebäude neu errichtet. Man kann festhalten, dass die Bruchsteinwände aus dem Mittelalter stammen und die Fachwerkwände ein Alter von über 315 Jahren aufweisen.

Es handelt sich um klassische dreizonige Scheunengebäude. Im Erdgeschoss mit Toreinfahrt sowie seitlich gelegenen Stallungen und Werkstätten. Darüber befinden sich fünf Geschoße mit etwa 1.800 Kubikmeter Bergeraum. Neben der gewöhnlichen Scheunennutzung ist für das zweite Obergeschoss eine andere Funktion zu statuieren. Der Grundrisszuschnitt sowie die Qualität der Oberflächen und der Ausstattungselemente weisen auf Produktions- und Verwaltungsräume sowie auf die Lagerung hochwertiger Güter hin.

Für die Jahre 1764 und 1784 sind erste Umbauten überliefert. Im 19. Jahrhundert erfolgte eine Umnutzung zum Lager, vermutlich für Schiffer und Kaufleute. Weiter wurden im Erdgeschoss in den 1950-er Jahren Autogaragen eingefügt. Die vorgenannten baulichen Eingriffe und ein fehlender Bauunterhalt führten zu einer statischen Schwächung der Konstruktion. Bereits im Jahre 1967 wurde eine akute Einsturzgefahr festgestellt und eine astronomische Summe zum Erhalt der Gebäude benannt. Durch rigorose Kürzung der baulich erforderlichen Maßnahmen, dem finanziellen Einsatz der damals privaten Eigentümer und einer großzügigen Förderung durch das Denkmalamt in Freiburg, konnten die Zehntscheuern damals vor dem Abbruch bewahrt werden. In Form von Notabstützungen erfuhren die Scheuern letztmalig um 1980 einen Sanierungseingriff.

Aufgrund der vielfältigen baulichen Maßnahmen und des fehlenden Bauunterhalts hat die statische Situation einen kritischen Zustand erreicht. An den Fassaden, an der Binnenkonstruktion und an der Stadtmauer haben sich Verformungen bis zu 30 cm eingestellt. Weiter stehen die Fugen an den Bruchsteinwänden bis zu 15 cm tief offen.

Ziel des Vereins ist eine behutsame Sicherung der Konstruktion bei maximalem Erhalt der historischen Substanz und des romantischen Erscheinungsbildes in seiner malerischen Schönheit.

Bauliche Maßnahmen für eine Nutzbarmachung sind derzeit nicht vorgesehen. Die Erlösung der Zehntscheuern aus ihrem Dornröschendasein steht somit in den Sternen.

 

Bernd Säubert, 26.03.2017